Gymnasium CHRISTIANEUM

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Projekt Weltethos

Es begann am 29. März 2006. Die Religionslehrer am Christianeum führten – gemeinsam mit der Tübinger  „Stiftung  Weltethos“ – ein bemerkenswertes Projekt durch. Mit der großen Wanderausstellung im Foyer der Schule „Weltreligionen – Weltfrieden – Weltethos“ wurde eingeladen, die faszinierende Welt der Religionen besser kennen und die Bedeutung ihrer ethischen Botschaften gerade für unsere heutige Gesellschaft  besser verstehen zu lernen. Die Ausstellung wurde vom Team der Tübinger  Stiftung Weltethos unter Leitung des prominenten Theologen Hans Küng konzipiert und realisiert.  Die Initiative geht von  vier Grundüberzeugungen aus:
•  Kein Frieden unter den Nationen ohne Frieden unter den Religionen
•  Kein Frieden unter den Religionen ohne Dialog zwischen den Religionen
•  Kein Dialog zwischen den Religionen ohne globale ethische Maßstäbe
•  Kein Überleben unseres Globus ohne ein globales Ethos, ein Weltethos

Die Ausstellung wurde am 29. März vom Schulleiter des Christianeums und Herrn Dr. Bauschke, Mitarbeiter der Stiftung Weltethos und Leiter des Berliner Büros, eröffnet. Es schloss sich ein „Tag der Religionen“ an.  Schülerinnen und Schüler der Oberstufe und Experten der verschiedenen Religionsgemeinschaften aus  Hinduismus (Erlend Pettersson),  Buddhismus (Frank Dick), Judentum (Ekaterina Epstein), Christentum (Andreas Schultheiß) und Islam (Muna Tatari) präsentierten die verschiedenen Glaubenshaltungen - dazwischen gab es Kulturpausen, fröhliche Begegnungen, musikalische Intermezzi und einen Ausklang in Diskussionsinseln. Am Abend dieses gelungenen Tages der Religionen hielt Herr Dr. Bauschke, Berlin, einen viel beachteten Vortrag zum Thema: „Christentum und Islam: Von der Konfrontation zum Dialog“. 

Vier Wochen lang  war die Ausstellung anschließend in der Schule und von einem Rahmenprogramm begleitet:
•  Einführung in das Pessachfest mit allen Sinnen durch Mitglieder der Liberalen Jüdischen Gemeinde, Hamburg
•  Achtsamkeit und Weltverantwortung im Buddhismus.

In vielen Klassen wurde das Thema in der unterrichtlichen Arbeit aufgenommen. Im Rahmen der Finissage der Ausstellung hielt Prof. Dr. Rainer Tetzlaff, Zentrum der Weltreligionen an der Universität Hamburg, einen Vortrag zum Thema „Dialog zwischen den Weltreligionen - wozu?"

Die  Veranstaltung endete mit einer Podiumsdiskussion: Lektionen für Hamburg, moderiert von Claus Grossner, an der neben dem Referenten des Abends auch Prof. Wolfram Weiße, Sprecher des Zentrums Weltreligionen, Jan Jacobsen, Schüler und Mitorganisator des Projektes, und Hans-Norbert Hoppe, Schulleiter des Christineums, teilnahmen.

Das Thema Weltethos sollte die Arbeit im Religionsunterricht aller Klassenstufen auch nach dem eindrucksvollen Beginn mit dem Tag der Religionen nachhaltig bestimmen. Fachliche Fortbildungen mit Dr. Bauschke und Walter Lange, freier Mitarbeiter der Stiftung Weltethos, schlossen sich an. Schülerinnen und Schüler der Oberstufe betreuten die Ausstellung auf dem Deutschen Evangelischen Kirchentag in Köln. Mit einem Religionskurs der Vorstufe wurde ein interkulturelles Projekt mit einer entsprechenden Schülergruppe des KurtTuchoslky- Gymnasiums in Altona durchgeführt. 

Grundlage der Weltethos-Idee ist es, nach gemeinsamen ethischen Werten, Normen und Maßstäben, nach einem verlässlichen ethischen Minimalkonsens in den Religionen zu suchen – auch und gerade angesichts der großen Unterschiede und des Reichtums in den Traditionen und Ausdrucksformen der Glaubenshaltungen und Religionen in aller Welt.  

Auf dem Parlament der Weltreligionen  (Chicago 1993) wurde folgende Erklärung zum  Weltethos formuliert:
Angesichts  aller Unmenschlichkeit  fordern unsere religiösen und ethischen Überzeugungen: Jeder Mensch muss menschlich behandelt werden!  Das heißt: Jeder Mensch – ohne Unterschied von Alter, Geschlecht, Rasse, Hautfarbe, körperlicher und geistiger Fähigkeit, Sprache, Religion, politischer Anschauung, nationaler und sozialer Herkunft – besitzt eine unveräußerliche und unantastbare Würde.  Alle, der Einzelne und der Staat, sind deshalb verpflichtet, diese Würde zu achten und ihren wirksamen Schutz zu garantieren.

Der ethische Minimalkonsens in den Religionen kann gefunden werden in der „Goldenen Regel“ („Was du nicht willst, das man dir tut, das füg auch keinem anderen zu!“), die sich in allen Glaubensrichtungen und Traditionen in vergleichbarer Form wieder findet:
•  Christentum: Alles, was ihr wollt, das euch die Menschen tun, das tut auch ihnen ebenso (Matth. 7,12 parr)
•  Judentum: Tue nicht anderen, was du nicht willst, das sie dir tun.  (Rabbi Hillel, Sabbat 31 a)
•  Islam: Keiner von euch ist ein Gläubiger, solange er nicht seinem Bruder wünscht, was er sich selber wünscht
   (40 Hadithe von an-Nawawi 13)
•  Buddhismus: Ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, soll es auch nicht für ihn sein; und ein Zustand, der nicht angenehm oder erfreulich für mich ist, wie kann ich ihn einem anderen zumuten?  
   (Samyutta Nikaya V, 353.35-354.2)
•  Hinduismus: Man sollte sich gegenüber anderen nicht in einer Weise benehmen, die für einen selbst unangenehm ist; das ist das Wesen der Moral. (Mahabharata XIII. 114.8)

Ausgehend von den vier Grundüberzeugungen und der „Goldenen Regel“ ergeben sich vielfältige Fragestellungen und Aufgaben in einer globalen und vernetzten Welt. Die Stiftung Weltethos spricht von konkreten Weisungen für vier zentrale Lebensbereiche, die als Selbstverpflichtungen formuliert werden (ib., 4):
•  Verpflichtung auf eine Kultur der Gewaltlosigkeit und der Ehrfurcht vor dem Leben
•  Verpflichtung auf  eine Kultur der Solidarität und eine gerechte Wirtschaftsordnung
•  Verpflichtung auf eine Kultur der Toleranz und ein Leben in Wahrhaftigkeit
•  Verpflichtung auf eine Kultur der Gleichberechtigung und die Partnerschaft von Mann und Frau

Der Weltethos-Gedanke hat sich auf verschiedenen Ebenen weiter ausgebreitet, 1997 im Vorschlag des InterActionCouncil ehemaliger Staats- und Regierungschefs für eine „Allgemeine Erklärung der Menschen-Verantwortlichkeiten, 1999 im „Aufruf an unsere führenden Institutionen“ des dritten Parlaments der Weltreligionen in Kapstadt, 2001 im Manifest zum Dialog der Kulturen „Brücken in die Zukunft“ (Crossing the Divide), erarbeitet von der von UN-Generalsekretär K. Annan berufenen „Gruppe hochrangiger Persönlichkeiten“ für das Jahr 2001, dem Internationalen Jahr des Dialogs der Kulturen. Die Erklärung von Chicago und das Projekt Weltethos wollen einen „individuellen und kollektiven Bewusstseinswandel im Interesse des Überlebens unseres Planeten anregen“.

Viele dieser Gedanken finden sich im Schulprogramm des CHRISTIANEUMS wieder. Im schulischen Kontext ist das Konzept in besonderer Weise geeignet zur Aufnahme fächerübergreifenden Unterrichts (Religion, Philosophie, gesellschaftswissenschaftliche Fächer etc.).  Für das CHRISTIANEUM, dessen Schülerschaft sich überwiegend aus deutschen Elternhäusern mit der Erstsprache Deutsch zusammensetzt  -  in einer sehr international und multikulturell geprägten Großstadt  - ist die Auseinandersetzung mit Fragen der Interkulturalität und Interreligiosität und den sich daraus ergebenden zahlreichen Implikationen von zentraler Bedeutung. Das Projekt Weltethos ist in besonderer Weise geeignet, sich diesen Fragen in einem offenen und fächerübergreifenden Zugang zu öffnen. Wir haben die Ausstellung der Stiftung Weltethos als Dauerausstellung angeschafft. Sie wird unsere pädagogische Arbeit begleiten.

Helmut Schmidt hat in seiner Weltethos-Rede am 8. Mai 2007 in Tübingen ausgeführt:
Unsere unterschiedlichen Religionen und Weltanschauungen müssen uns nicht hindern, zum Besten aller zusammenzuarbeiten; denn tatsächlich liegen unsere moralischen Werte nahe beieinander. Friede unter uns ist möglich, allerdings müssen wir den Frieden immer wieder aufs Neue herstellen und „stiften“.   

Hans-Norbert Hoppe