Gymnasium CHRISTIANEUM

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Beratungsdienst

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Schulseelsorge am Christianeum

Schulseelsorgerin: Kläre Seifert
Was ist schulische Seelsorge? 

„Nicht die Seele eines Menschen steht im Mittelpunkt, sondern der Mensch als Seele!“

Die schulische Seelsorge forscht nicht nach der Wurzel des Problems, sondern handelt lösungsorientiert. Dabei können religiöse Hilfestellungen gegeben werden. Dies ist aber kein Muss. 

Ziel der schulischen Seelsorgearbeit ist es, auf die aktuelle Lebens- und Lernsituation zu schauen. Unter Zuhilfenahme der vorhandenen eigenen Ressourcen des oder der Ratsuchenden werden Ideen entwickelt, die neue Denk- und Handlungsimpulse geben können. Der „innere“ Mensch soll wieder entdeckt und aufgebaut werden.

Der Beratungsdienst am Christianeum

Beratungslehrer: Friedrich Ruhl

In der 10e herrscht schlechte Stimmung. Vier Schüler haben sich zu einer Gruppe zusammengeschlossen, die den anderen das Leben zur Hölle macht. Seit einigen Monaten geht das nun so. Immer wieder sieht sich die Klassenlehrerin, Frau X., gezwungen, dieses Thema mit der Klasse zu besprechen und immer wieder verlaufen die Gespräche gleich: Die von etwas mutigeren Schülern formulierten Vorwürfe streitet die „Viererbande" ab, andere melden sich gar nicht erst zu Wort. Frau X. weiß nicht mehr weiter. Inzwischen wird sie fast jeden Abend von Eltern angerufen, die ihr von der wachsenden Angst ihrer Kinder berichten. Alles hat sie schon versucht: Gespräche mit Einzelnen, mit der Gruppe, mit der Klasse. Doch bisher hat sich nichts geändert.

„Wenn mir doch bloß mal jemand einen Rat geben könnte...“, denkt sich Frau X. auf ihrem Weg ins Lehrerzimmer. Sie vertraut sich mit ihrem Problem einem Kollegen an: „Du musst mit aller Macht durchgreifen“, sagt der. Und in der nächsten Pause wird sie von ihrer Kollegin angesprochen, der sie gestern ihre Misere geklagt hatte: „Versuche, bei den Schülern Verständnis zu wecken“, lautet ihre Empfehlung. Und der Kollege, der gerade ein Medienseminar besucht hat, schwört ihr, dass alle Probleme mit der neuen Moderationstechnik zu beheben seien, die entsprechenden Bücher könne er ihr leihen. Das alles hilft Frau X. aber nicht: Zu widersprüchlich sind die Empfehlungen. Die Vielzahl möglicher Handlungsweisen verwirren sie mehr als ihr zu helfen.

Frau X.'s Dilemma lässt sich verallgemeinern. Auch in anderen Zusammenhängen kann sich die Widersprüchlichkeit unterschiedlicher, aber immer gut gemeinter Tipps einer Lösung eher in den Weg stellen als sie befördern; manchmal sind es auch die gegensätzlichen Impulse, die in uns selbst stecken und die Entscheidung für einen bestimmten Weg fast unmöglich machen: Können wir nun unserem Kind den Partybesuch gestatten, damit es von seinen Mitschülern nicht gehänselt wird oder wäre es nicht besser, prinzipientreu zu bleiben? Oder: Soll ich dem, der jeden Morgen, ohne recht zu fragen, meine Hausaufgaben abschreibt, einfach einmal die Meinung sagen oder doch lieber den Mund zu halten und gute Miene zum bösen Spiel zu machen?

Für solche und ähnliche Situationen gibt es an Hamburger Schulen einen „Beratungsdienst“. Er wird durch speziell hierfür ausgebildete Beratungslehrerlnnen angeboten. Am Christianeum sind das Frau Mumm, Herr Haustein und Herr Ruhl. Welche Grundsätze prägen unsere Arbeit?

Um sich einer Antwort auf diese Frage zu nähern, soll zunächst einmal festgehalten werden, was wir nicht machen: Nämlich Ratschläge erteilen, auch wenn das der Begriff „Beratung“ vielleicht erst einmal nahe legt. Wir sind keine „Superlehrer“, die den Kollegen auf Anfrage Patentrezepte erteilen, keine „Diplomerzieher“, die in einem zehnminütigen Telefonat verzweifelten Eltern Lösungen für schwierige Erziehungssituationen aufzeigen könnten. Auch für Schüler halten wir keinen „Königsweg“ bereit, auf dem ihre Probleme während einer Pause vollständig und umfassend zu lösen wären. Aber wir haben etwas, was wir allen am Schulleben beteiligten Gruppen anbieten können: Zeit zum Zuhören und die Gewähr absoluter Vertraulichkeit.

Auch wenn dieses Angebot zunächst ein wenig mager klingt: Gönnt man sich den Luxus, in einem anstehenden Klärungsprozess ein wenig auszuschweifen, so ist es oft erstaunlich, welchen Weg das Gespräch nimmt. Wusste man zunächst eigentlich nicht viel zu sagen, können noch nicht bedachte Einzelheiten hohen Stellenwert gewinnen und Fragen auftauchen, die vieles in ganz neuem Licht erscheinen lassen.

Hauptteil unserer Arbeit ist also weniger das, was wir sagen als das, was wir fragen. Ein fiktives Gespräch mit Frau X. wäre z. B. zu Beginn geprägt durch den Versuch, das Problemfeld zu benennen und mit möglichst vielen Nebenaspekten zu beleuchten: Wer ist beteiligt?  Wie ist die Struktur der Klasse? Wie war sie früher, wie könnte sie sich entwickeln?  Welche Kollegen haben ähnliche Probleme, welche nicht? Wann empfand Frau X. die Situation als besonders schlimm, wann weniger bedruckend?  Was wurde schon unternommen, was war erfolgreich, was kontraproduktiv?  Und, paradox vielleicht: Was müsste passieren, damit sich die Situation verschlimmern würde?

Diese Liste hat nur theoretische Bedeutung, der tatsächliche Verlauf eines Beratungsgesprächs lässt sich nicht planen. Nimmt man sich aber Zeit für eine umfassende Betrachtung der Problematik und schafft Raum für neue Sichtweisen, passiert meist etwas Merkwürdiges: Reden alleine hilft, Strukturen werden deutlich und eigene Handlungsperspektiven erweitern sich. Einen "Rat" zu geben, ist dann nicht mehr nötig: Im Gespräch entwickeln sich Ideen, was getan werden könnte. Es sind dann aber eigene Gedanken, eigene Gefühle und eigene Impulse, die das zukünftige Handeln von Frau X. prägen - nicht mehr die Befolgung der guten (und manchmal widersprüchlichen) Ratschläge anderer.

Natürlich beschränkt sich unser Arbeitsfeld nicht auf die in diesem Fall skizzierte „kollegiale Hilfe“, Problemstellungen dieser Art machen nur einen Teil unserer Arbeit aus. Manchmal geht auch um Drogenkonsum, sowohl um Prävention als den Versuch, übereilte und kontraproduktive Eingriffe in diesen schwierigen Fällen im Rahmen zu halten und die Gesprächsbereitschaft mit allen hieran Beteiligten zu erhalten, um Mädchen, die dem verbreiteten Schlankheitsideal in einer Weise huldigen, dass die sich hieraus ergebenden Essstörungen pathologischen Charakter annehmen, um Elterngespräche zu Themen, für die der Klassenlehrer - aus welchen Gründen auch immer - nicht der richtige Partner ist.

Beratungslehrer sind Ansprechpartner. Neben den Aspekten ihrer Arbeit, die Veranstaltungscharakter haben (Drogenprävention, Aids, Essstörungen ... ), sind sie darauf angewiesen und warten darauf, dass sie aufgesucht werden, dass der Impuls von den Ratsuchenden ausgeht. So macht die Auflage einer Disziplinarkonferenz, der Schüler müsse ein Beratungsgespräch absolvieren, wenig Sinn: Ein angstfreies und produktives Gespräch kann nur freiwillig entstehen, nicht durch Verordnung. Daher findet die Tätigkeit der Beratungslehrer, im Gegensatz zu manch anderen öffentlich wirksamen Aktivitäten dieser Schule, eher im Hintergrund statt. Dies liegt in der Natur der Sache: Unbedingte Vertraulichkeit und absolute Freiwilligkeit aller Kontakte und Gespräche bildet die Grundlage unserer Arbeit.  Für alle, die mit uns sprechen möchten: Unsere Telefonnummern erfährt man im Sekretariat!