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Mitteilungen aus der Bibliothek - Hippo.

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hippo.buffon 3

 

Hippo.

Aus der Bibliothek des Christianeums

von Felicitas Noeske

Ein Flusspferdfötus mit Nabelschnur auf einem Tisch, daneben chirurgisches Instrumentarium und ein hohes Glas mit Flüssigkeit zum Einbalsamieren. Im Hintergrund ein Blick aus dem Fenster in eine Landschaft mit Palme, Affenbrotbaum und Teddybär.

Als George-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788), französischer Naturforscher und Direktor des Königlichen Botanischen Gartens in Paris, seiner seit 1749 erstellten monumentalen „Histoire naturelle“ die „Beschreibung des Flusspferdes“ hinzufügte, hatte er den Fötus, einen Kiefer und unter anderem eine Darstellung des neapolitanischen Naturforschers und Botanikers Fabio Colonna (1567-1640) von 1616 vor sich, die eine figura enthielt: eine Abbildung des Tiers nach der Beschreibung.

hippo.buffon.homepage

Buffon hat niemals ein lebendes Geschöpf dieser Art, ein Hippopotamus amphibius, gesehen, er hatte für seine Betrachtungen das Naturalienkabinett seines Königs Ludwigs XV. zur Verfügung - und die Bücher.

Der Hintergrund der Tafel III zur Darstellung des Hippopotamus in seiner „Naturgeschichte“, so sagt Buffon, sei eine „Copey“ der „Figur“ Colonnas, und er stellt dazu fest: „Ungeachtet diese Figur für eine von den besten gehalten wird, die es von dem Flußpferde giebt, so kommt sie mir doch ungemein fehlerhaft vor.“ Die Fehler, so Buffon weiter, seien lediglich in seiner Kupfertafel „nicht so sichtbar“, weil das Tier „nur von weitem gesehen werden kann“. (Allgemeine Historie der Natur. Sechsten Teils erster Band, S. 30) In der Tat: aus der Nähe sieht das Hippopotamusamphibius in der „Naturgeschichte“ Buffons aus wie ein Teddybär in Afrika.

Hippo.Figura 6 ippopotamoDie „Fehler“ der Darstellung aus dem 17. Jahrhundert gegenüber dem Teddybären sind zwar erkennbar, wahrer wird Buffons „Copey“ deshalb aber nicht und so verweist er auch auf den Fötus als „Hauptgegenstand dieser Tafel“. Fabio Colonna hatte ebenfalls nie ein lebendes Flusspferd gesehen; er kannte womöglich vielmehr die Darstellung eines Arztes aus Narni in Umbrien namens Federico Zeringhi, der dieses Tier 1603 in einem kurzen Traktat: Vera Descrittione Dell Hippopottamo, Animale Anfibio, que nasce in Egitto [...] beschrieben und dabei behauptet hatte, zwei Flusspferde in Ägypten gefangen, getötet und die Häute nach Italien mitgebracht zu haben. Wie immer die Häute ausgesehen haben mögen, so recht in Form bringen können hat man sie nicht: mehr wie ein Ochse, denn wie ein Pferd, und mit Zähnen wie denen eines Haifischs – so war das Bild des Hippopotamus in Europa seit Jahrhunderten geprägt gewesen. Buffons akribische Beschreibung anhand einer Sektion des Fötus aus der königlichen Sammlung, in der er den Bauplan des Tiers gleichsam hochzurechnen vermochte auf das erwachsene Exemplar, war Mitte des 18. Jahrhunderts ebenso sensationell wie die Kupfertafel. Die Anschauung könne, so sagt Buffon, „dabey einigermaßen die Vorstellung von einem Flußpferde geben“.

Hippo.Obaysch.18521850 wurde das erste lebend in Europa bekannt gewordene Flusspferd zur internationalen Sensation. Es trug den Namen Obaysch und war als Geschenk des ägyptischen Vizekönigs Abbas Pascha an den britischen Generalkonsul in den Londoner Zoo gelangt. Obaysch vervielfachte die Zahl der Zoobesucher erheblich, inspirierte Queen Victoria zu einem Eintrag in ihr Tagebuch und brachte einen veritablen Souvenirhandel in Schwung. Obaysch war 1849 als wenige Tage altes männliches Jungtier auf einer Nilinsel, die ihm den Namen gab, von Jägern Abbas Paschas eingefangen worden. Die Jäger hatten das Muttertier erlegt, konnten aber das Jungtier nicht festhalten, das ihnen mit seiner feuchten, seifenglatten Haut immer wieder ins Wasser entwischte; sie griffen zum Bootshaken. Auf einem Foto von Obaysch im Londoner Zoo aus dem Jahr 1852 ist die tiefe Narbe in der Flanke des Tiers gut zu erkennen. Eine ganz ähnliche „Narbe“ zeigt der Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert und hat damit die Auskunft über eine jahrhundertealte Fangmethode bis auf den heutigen Tag bewahrt als eine wahrhaftige Haut.

 

Abbildungen:

Das Flusspferd. Kupferstich; in: Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Historie der Natur. Sechsten Teils erster Band. Tafel III. 30. Seite.. Leipzig 1767 (Bibliothek des Christianeums, Signatur: J 140/7)

Das Flusspferd (Kupferstich; Detail). In: Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Historie der Natur. Sechsten Teils erster Band. Tafel III. Seite 30. Leipzig 1767 (Bibliothek des Christianeums, Signatur: J 140/7)

Vera effigie dell'hippopotamo over caval marino (Wahre Figur eines Hippopotamus oder Flusspferds). Holzschnitt, 17. Jahrhundert. Nach einer figura in Federico Zerenghi: Vera Descrittione Dell Hippopottamo, Animale Anfibio, que nasce in Egitto. Mailand 1603 (Biblioteca Universitaria di Bologna; cf. Alberto Natale, Gli specchi della paura. Carocci, Rom 2008) (Lizenz)

Flusspferd Obaysch im Londoner Zoo, 1852. Foto: Juan Carlos de Borbón (1822−1887); Quelle: Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1852Hippo.jpg

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 67. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2012