Gymnasium CHRISTIANEUM

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Bereits im 18. Jahrhundert beschrieben die Direktoren, die auch die Bibliothekare waren, in einzelnen gedruckten Abhandlungen die Bestände der Bibliothek, die zusammen mit anderen Drucksachen, wie zum Beispiel Lehrplänen, Veranstaltungsankündigungen und gelehrten Aufsatzen, gesammelt und unter dem Titel Opuscula professorum gebunden wurden. Seit dem 19. Jahrhundert wurden in den sogenannten Schulprogrammen, den gedruckten jährlichen Berichten über die Aktivitäten in der Schule, auch Mitteilungen aus der Bibliothek veröffentlicht, und zwar durch den Kollegen (bis zum Ersten Weltkrieg waren das durchweg die Direktoren), der die Bibliothek betreute. Diese Tradition  wurde nach 1950 im "Christianeumsheft", herausgegeben vom Verein der Freunde des Christianeums, fortgesetzt und soll auch hier ihren Ort finden.

Felicitas Noeske






 

Suchkinder

Zur Rekonstruktion des "Donum Kohlianum"

von Felicitas Noeske

 

 

Während intelligente Menschen nach Stockholm reisen oder Golf spielen, habe ich mal wieder etwas völlig Unnützes gemacht: Ich habe Titel nach den Nummern eines Bibliothekskatalogs aus dem 18. Jahrhundert am Computer in den Online-Katalogen der Hamburger Staats- und Universitätsbibliothek Carl von Ossietzky [SUB] gesucht. Das hab’ ich natürlich nur gemacht, weil ich jetzt DSL habe und T-Online mich um den Freimonat beschummelt hat.

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Das Donum Kohlianum ist eine wunderbare Bibliothek von gut 500 Bänden, die ihr Besitzer Johann Peter Kohl (1698 -1778) dem Christianeum in Altona 1768 übereignet hat. Kohl wollte von Hamburg nach Altona ziehen, weil er dortselbst keine Steuern zahlen musste, und bot dem dänischen König Christian VII. seine exquisite Büchersammlung an für dessen Vorzeige-Bildungsanstalt in Altona; Struensee könnte bereits bei der Genehmigung seines Königs die Hand des Debilen geführt haben, wer weiß. Tatsache ist, dass diese Sammlung nicht nur unglaubliche Bücher enthält (von den mittelalterlichen Prachthandschriften ganz zu schweigen), sondern auch einen ungewöhnlichen Leser, ein fürs 18. Jahrhundert nicht unbedingt übliches Gelehrtenleben und –interesse zu dokumentieren scheint.

Inkunabel.ValMax.001Kohl übergibt also seine Sammlung 1768 dem königlich-dänischen Gymnasium Christianei Altonensis, zusammen mit einem alphabetischen Verzeichnis seiner Bücher und einem vierseitigen Begleitschreiben, in dem er seine Sammlung erläutert und den neuen Besitzern einige Auflagen macht. Georg Christian Matern de Cilano, erster Amtsinhaber als Bibliothekar und vom Ruhestand nicht aus der Bibliothek zu vertreiben, er sei, so ein Gerücht, hochbetagt eines Tages darin tot umgefallen – Matern de Cilano wird um 1770 die Bücherliste Kohls abschreiben und dabei ihre Aufstellung in offenbar nicht selten auch inhaltlich motivierten Scrinia – den Regalaufbauten, in denen der Benutzer die Bücher vorfindet - so zurechtbasteln, dass die Kleinformate oben und die Folios unten stehen und einem nicht auf den Kopf fallen können.

Aber vor allen Dingen wird er die Titel in seinem Katalog nun mit durchlaufenden Nummern versehen. 1850 und in den folgenden Jahren wird Bibliothekar Frandsen diese Nummerierung den Büchern auf die Rücken malen, sie zusammen mit der Seitenzahl von Cilanos Katalog als Signatur in die Deckel schreiben und allen Bänden des Donum Kohlianum zusätzlich zum Besitzerstempel der Anstalt auch einen „S“-Stempel auf die Titel drücken. Jeder Band ist nunmehr anhand des Cilano-Katalogs auffindbar: 164/19 bedeutet: Nr. 164 auf Seite 19 des Katalogs. Man muss nicht lange nachdenken um gewiss zu sein, dass das nur funktioniert, wenn die Bücher auch danach aufgestellt sind – und dass der Bibliothekar beide Kataloge bereit halten muss, denn der brave Benutzer würde ohne deren Hilfe lange suchen müssen, um z.B. das Werk eines italienischen Renaissance-Philosophen wie Pico della Mirandola aus dem 16. Jahrhundert zu finden.

Das Donum Kohlianum ist im Tresorraum der Bibliothek des Christianeums, genannt „der Bunker“, immer noch nach „S“ zusammen aufgestellt. Allerdings musst du nicht nachzählen, um zu erkennen, dass das niemals 500 Bände sind, vielleicht 60 oder 80, mehr nicht. Es gibt keinen Platz in der Bibliothek, wo noch 400 weitere und unerkannte Bücher sein könnten. In den Annalen des Christianeums-Archivs aus der Zeit vor 60 Jahren, die außerordentlich dürr verzeichnet ist, findest du einiges Beunruhigende. „In den Wintermonaten 1946/47“ seien 10 000 Bände aus der Bibliothek des Christianeums (das war ein Drittel ihres damaligen Bestandes) an die „Staatsbibliothek“ gegangen, die ihre Bestände verloren hatte. Seit 1938 hieß die zwar „Bibliothek der Freien und Hansestadt Hamburg“, „Staats-und Universitätsbibliothek“ wurde sie erst wieder im Mai 1946, aber egal, der handschriftliche Bericht in einem alten Eingangsbuch der Bibliothek ist von 1947. 10 000 Bände, herumgekarrt in einem der schlimmsten Winter der Hansestadt!

Später sollen - so wird gesagt, eine dem entsprechende Liste gibt es nicht - vom Christianeum noch weitere ca. 4000 Bände, insgesamt wäre das also knapp die Hälfte des Bestandes gewesen, abgeliefert worden sein im Zuge eines Erlasses von 1946, der der völlig ruinierten vormaligen Bibliothek der Freien und Hansestadt, nunmehr Staats- und Universitätsbibliothek, eine Art Schneewittchen-Aktion bei den verbliebenen Beständen der Stadt erlaubte: man nahm, was die anderen erübrigen konnten. 10 000 Bände - das sind mindestens fünf 7,5-Tonner mit Anhänger heutiger Auslegung - von A nach B geschafft in ein paar Wochen in einem Winter, in dem alles fror und hungerte, die Kinder ernährt vor allem durch das Hilfsprogramm der Engländer, in einer völlig zerstörten Stadt, in der Familien – so nachzulesen in der beeindrucken Darstellung des Schweden Stig Dagermann (1923-1954), „Deutscher Herbst“, erschienen in der Bibliothek Suhrkamp 1987 - mit ihren Kindern in Kellern hausten, in denen das Wasser knöchelhoch und höher stand. Wer hat sich das wohl ausgedacht?

2005 sind wir online, in der Bibliothek und daheim, mit DSL und mit Zugang zu den großen Datenbanken und den Online-Katalogen der großen Bibliotheken ausgestattet. Du nimmst Matern de Cilanos in Leder gebundenes und mit Goldprägung versehenes Katalog-Folio und hakst darin (mit Bleistift, deine Vorgänger hatten im 19. Jahrhundert mit Tinte darin herumgeschmiert) das Häuflein Kohliana im „Bunker“ deiner Bibliothek ab und beginnst dann deine Online-Recherche in den Hamburger SUB-Katalogen (PICA und alter Zettelkatalog) mit der Nummer 1 – Treffer! Sogar mit Provenienzvermerk und auch sonst noch höchst interessanten Angaben.

Heldenbuch.TitelUnd dann fallen die Signaturen aus deinem Rechner wie die Coins aus dem Einarmigen Banditen, allerdings ohne alle Provenienzhinweise, nicht mal auf deine Anstalt, geschweige denn aufs Donum Kohlianum. Du schickst einige Signaturen per E-Mail an Dr. Richard Gerecke, in der SUB zuständig für die Rara und mit Interesse für Provenienzforschung. Dr. Gerecke meldet Treffer zurück und vervollständigt umgehend die Herkunftshinweise im Katalog. Er hatte sich verschiedentlich über einen „S“-Stempel gewundert, den er sich nicht hatte erklären können, als er angefangen hatte, die Provenienzvermerke „Christianeum“ einzuarbeiten. Er beginnt, der Magazin-Systematik kundig, dortselbst zu suchen – einfach nur nach der Erinnerung an einen „S“-Stempel auf den Titeln in der Nachbarschaft der Treffer. Nun suchst du an deinem Computer sozusagen mit der SUB um die Wette – du mit zwei 230 Jahre alten Katalog-Büchern, die SUB mit „S“ im Magazin. Und dann wird online abgeglichen. Das geht beunruhigend schnell. Die PICA-Suche ist kinderleicht, schwierig wird’s, wenn du den alten Zettelkatalog konsultieren musst. Dort stößt du stets auf uralt erscheinende handschriftliche Kärtchen, eingescannt kaum noch lesbar, zuweilen eine erkennbar schwere Hand im Bemühen, das Sütterlin loszuwerden in einem misslungenen runden Duktus; die Signatur ist auf deinem Bildschirm manchmal nur zu erraten.

Der erste Durchgang des Bestandes der Sammlung des Johann Peter Kohl ist Ende August 2005 beendet. Am 23. September 2005 schließt Dr. Gerecke die Bearbeitung der Desideraten-Liste ab. Das Christianeum hält 69 der insgesamt 466 gedruckten Bände, einschließlich 9 Inkunabeln – sog. „Wiegendrucke“, seit Gutenberg entstanden bis 1500 – in 7 Bänden; 8 Inkunabeln in 5 Bänden sind in der SUB. Die 17 Handschriften des Donum Kohlianum [ursprünglich 18, ein russisches Manuskript wurde im März 1816 zugunsten der Christianeumsbibliothek nach St. Petersburg verkauft] sind vollständig und befinden sich in der Bibliothek des Christianeums. Von drei weiteren Inkunabeln, die nicht auf der Liste von Bibliothekar Claussen 1897 erfasst, in Kohls Katalog [1768] aber angeführt sind, hat sich unterdessen eine [Celtis 1487] im Bestand des Christianeums angefunden; die beiden anderen [Marius Philelfus 1495/Voragine 1491] sind noch nicht aufgefunden. Die Desideratenliste enthält nunmehr 52 Cilano-Nummern von 466 Nummern „libri expressi“, einschließlich der bei Cilano und Claussen 1897 angeführten Inkunabeln. Ein Band aus dem Donum Kohlianum ist, durch eine Reihe von Indizien identifiziert, mit hoher Wahrscheinlichkeit zur Zeit im Antiquariatshandel; es handelt sich um die bei Cilano „in arca Bibliothecae“ nach Nr. 466 extra aufgeführten Nummern 1 – 3, die zusammengebunden worden sind [typischer Christianeumseinband: Halbpergament mit Buntpapierbezug, vor 1850, vermutl. Cilano 18. Jh.] und in den Rara-Katalog der Bibliothek [1850ff] aufgenommen wurden unter der Signatur: R Bc 41/7 - die 7 ist wahrscheinlich links oben im Vorderdeckel verzeichnet - und auf dem Titel zusätzlich zum Besitzstempel noch einen „R“-Stempel erhalten haben [vgl. www.asherbooks.com in der „stocklist“ Titel: „abus du mariage“].

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Ich frage mich unterdessen weniger, wie 10 000 Bände in den berüchtigten Wintermonaten 1946/47 in die SUB gelangt sein könnten, sondern vielmehr, wieso man seinerzeit nicht die komplette Kohliana-Sammlung übergeben bzw. übernommen hat. Das Donum Kohlianum ist die einzige aus der langen Reihe der dem Christianeum in den vergangenen Jahrhunderten übereigneten Sammlungen, der die Verfügung des Vorbesitzers beigegeben ist, sie stets zu bewahren und zusammen aufgestellt zu halten. Dies ist, daran lassen die Christianeumskatalogisierungen keinen Zweifel, auch so geschehen bis 1932; anschließend ist die Geschichte, so scheint es, kompliziert geworden.

Die SUB hat noch nicht nein gesagt zu meinem Vorschlag, den alten Bänden ein entsprechendes Exlibris in die Deckel zu kleben und einen gemeinsamen Katalog des Donum Kohlianum zu erstellen; es wäre der dritte seit 1768 und der erste nach ca. 230 Jahren. 60 Jahre tiefgehende Ressentiments zwischen dem Christianeum und der Staats- und Universitätsbibliothek scheinen nunmehr aus der Welt zu sein. Dafür sind einige Wochen Freizeit abends am Computer nicht zuviel. Zumal wenn du anschließend in die Sommerfrische fährst, nach Stockholm oder zum Golf spielen.

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 60. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2005. S. 76ff.

Siehe auch: 60 Jahre verschwunden

 


 




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Die Schulprogramme

von Felicitas Noeske

Etwa hundert Regalmeter: auf den ersten Metern noch gebundene, dann in Pappdeckeln mit Schleifchen geschnürte Konvolute, die den hinteren Bereich des Archivgangs im Christianeum bis unter die Decke schwarz malen, überzogen mit einem Sfumato aus dem Staub ihrer Vergessenheit.

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Was das Dunkel des Archivgangs verbirgt, war noch Anfang des 20. Jahrhunderts Lehrern und Schülern ebenso ein Begriff wie den Buchhändlern und Antiquaren; jeder Bibliothekar einer größeren Bibliothek hätte dem Wunsch nach einem „Schulprogramm“ sofort nachkommen können. Schulprogramme, auch als Schulschriften oder einfach nur als Programme bezeichnet, waren als Veröffentlichungen der höheren Schulen geläufig. Anders als heute, da ein „Schulprogramm“ - in vielen Bundesländern (auch in Hamburg) bereits Pflicht - die Zielvorstellungen einer Anstalt für den schulinternen und behördlichen Gebrauch fixiert, waren die Programme des 19. Jahrhunderts Berichte über das jeweils vergangene Schuljahr und dienten der Öffentlichkeitsarbeit. Die Programme gaben Aufschluss über die Lehrinhalte des Jahres, die Prüfungen, auch über Erlasse, die von allgemeinem Interesse waren. Sie lieferten eine Chronik und Mitteilungen an die Eltern; sie berichteten über Veranstaltungen, Schenkungen und Statistisches. In jedem Schulprogramm fand sich auch ein wissenschaftlicher Artikel, verfasst vom Direktor oder einem Mitglied des Lehrkörpers.

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schulpr.chr.1740.einladungHervorgegangen waren die Programme aus den gedruckten Einladungen von Lehranstalten zu Vorträgen und Prüfungen; solche Drucke sind bereits seit Ende des 16. Jahrhunderts belegt. Im 18. Jahrhundert lud ein Gymnasium Academicum durchaus schon mal auch gedruckt zu Lehrveranstaltungen ein, denn diese waren zuweilen öffentlich. Lateinisch abgefasste Abhandlungen, in denen sich die Professoren mit den Inhalten ihrer Lehre auseinandersetzten, wurden ebenfalls von den Anstalten regelmäßig veröffentlicht. Die Publikationen wurden gesammelt und später in chronologischer Reihe gebunden. Die in einfachem Leder gebundenen Schulschriften des Christianeum aus dem 18. Jahrhunderts füllen als Opuscula Professorum einen Regalmeter;die gedruckten Berichte und Mitteilungen über die Feierlichkeiten zur Namensgebung 1744 hatten sogar eine Sonderausgabe erfahren, in feinstem braunen Leder mit Goldprägung, die in der Bibliothek des Christianeums in mehreren Dubletten erhalten ist.

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Preußen machte 1824 die Programme zur Pflicht; sie waren nunmehr als jährliche Rechenschaftsberichte zu veröffentlichen und erhielten eine Form nach Vorschrift. Bereits in den 1830er Jahren war eine Verteilung dieser Publikationen unter den Anstalten organisiert worden, die dem gegenseitigen Wissens- und Erfahrungsaustausch und der Fortbildung diente; die Veröffentlichung eines wissenschaftlichen Artikels wurde verlangt. Das Christianeum nahm ab 1843 an diesem Austausch teil. Nach dem preußischen Vorbild wurden auch in Österreich und in der Schweiz Schulprogramme eingeführt.

Da die Anzahl der am Austausch teilnehmenden Gymnasien rasch wuchs, verzeichneten einige Schulen um 1870 bereits 10 000 Exemplare. Die Behörden übergaben die Verteilung dem Verlag Teubner in Leipzig und erklärten die Beigabe einer wissenschaftlichen Veröffentlichung als fakultativ. Ende des 19. Jahrhunderts erhob sich dann die Forderung nach Einstellung dieser Publikationen, im wesentlichen begründet durch hohe Produktionskosten und die Schwierigkeit, die unterdessen riesigen Sammlungen zu archivieren und zu katalogisieren. Das Christianeum hielt den Austausch bis zum Ende des Ersten Weltkriegs und setzte ihn dann nochmal von 1926 bis 1930, wenngleich in nunmehr geringerem Umfang der Jahreskonvolte, fort. In den zwanziger Jahren publizierten nur noch wenige Schulen ihre Programme; auch das Christianeum hatte unterdessen eine andere Publikationsform eingerichtet: das „Heft“ des Schulvereins, das als „Christianeumsheft“ des Vereins der Freunde des Christianeums bis auf den heutigen Tag zweimal im Jahr über die Schulereignisse berichtet.

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schulpr.chr.1792.henriciDie Bedeutung der Schulprogramme, insbesondere einer geschlossenen Sammlung wie der des Christianeums, wird in jüngster Zeit erst nach und nach erkannt. Die Probleme, die umfangreichen Sammlungen unterzubringen und bibliothekarisch zu erfassen, hatten vielerorts bereits zu ihrer Entsorgung geführt; sofern sie die Zerstörungen des Zweiten Weltkriegs überlebt hatten, landeten sie in den 1960er Jahren in einigen Fällen im Antiquariatshandel oder noch häufiger im Müll. Sie wurden ganz einfach vergessen. Derzeit sind die Sammlungen der Bibliothek der Franckeschen Stiftungen in Halle, der Bibliothek für Bildungsgeschichtliche Forschung in Berlin, der Justus-Liebig-Universität in Gießen (die sie in den 60er Jahren im Antiquariat erwarb) und der Lübecker Stadtbibliothek bekannt; letztere konnte ihre ca. 40 000 Exemplare umfassende Kollektion mit der finanziellen Hilfe der Deutschen Forschungsgemeinschaft erschließen und katalogisieren. Die Universität Gießen hat eine Reihe von Programmen digitalisiert und im Internet veröffentlicht.

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Die ca. 60 000 Exemplare umfassende Sammlung der Schulprogramme wurde im Christianeum in Jahreskompendien geordnet und chronologisch aufgestellt; man kann also durchaus z. B. den Aufsatz eines vielleicht berühmten Zeitgenossen aus dem 19. Jahrhundert darin finden, wenn man den Zeitraum und den Ort des Erscheines weiß. In der Festschrift des Christianeums von 1938 findet sich (S. 307ff.) ein Verzeichnis der wissenschaftlichen Abhandlungen, die in Verbindung mit Einladungsschriften, Jahresberichten und Festschriften des Christianeums seit 1828 erschienen sind. Durch ehrenamtliche Arbeit konnte eine Liste erstellt werden, die alle Lehrer des Christianeums seit 1738 in alphabetischer Reihenfolge führt und Verweise auf Publikationen enthält; ebenfalls ehrenamtlich wurde mit der Digitalisierung älterer Schulschriften unterdessen begonnen.

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schulpr.1866.memelDie Geschichte des Christianeums und die Entwicklung seiner Lehrtradition ist in den Opuscula Professorum, den Schulprogrammen und den Christianeumsheften nahezu lückenlos bei uns präsent; die Zeitläufte des 20. Jahrhunderts machen die Annahme nicht unwahrscheinlich, dass indes die eine oder andere höhere Schule in unserem Land – nicht nur in Culm oder in Memel – womöglich in den Schulprogrammen die einzige Quelle für ihre Geschichte hat. Eine nicht geringe Anzahl der Regalmeter im Christianeum ist allerdings derzeit für den Benutzer tabu; die Pappmappen ab ungefähr 1875 haben zum Teil außen Schimmelbefall, die Kosten für neue Deckel sind vielstellig anzusetzen.

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Im Vorwort des Katalogs der Schulprogramme der Lübecker Stadtbibliothek (2000) heißt es, die Schulprogramme seien „eine der vornehmsten Quellengattungen für Forschungen auf den Gebieten Schulgeschichte, Geschichte der Pädagogik, historische Bildungssoziologie, Schulvolkskunde und Ideologiegeschichte“.

 

Literatur:

Sigrid Kochendörfer, Elisabeth Smolinski, Robert Schweitzer: Katalog der Schulprogrammsammlung der Stadbibliothek Lübeck. Bibliothek der Hansestadt Lübeck: Lübeck, 2000

Mary Pabusch: Die Schulschriftensammlung des Hamburger Christianeums. Hausarbeit zur Diplomprüfung an der Fachhochschule Hamburg, Fachbereich Bibliothek und Information. Hamburg, 1994

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 61. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2006. S. 107ff.

 

Siehe auch:

Wikipedia: Schulprogramm (historisch)

 


 

 

 

 

Bilder aus der Bibliothek: Flickwerk

von Felicitas Noeske

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Leser ruinieren Bücher, sofern diese nur alt genug werden: sie lassen sie fallen, klappen sie unentwegt auf und zu, aber vor allem lesen sie darin, was oft nicht zum Wohle der Bücher ist. Leser hinterlassen nicht nur allerlei zwischen den Seiten, sie lesen auch im Dunkeln. Vor der Erfindung des elektrischen Lichts vertiefte sich der Leser bei Kerzenlicht ins Buch, und nicht selten fiel die Kerze um und hinterließ Brandlöcher im Buchblock. Der Codex Altonensis, Dantes „Comedia“, eine Prachthandschrift des 14. Jahrhunderts aus der Bibliothek des Christianeums, weist im hinteren Teil einen Brandschaden dieser Art auf. Die Löcher wurden sehr geschickt geflickt mit eigens zugeschnittenen Pergamentstücken, die verbrannten Schriftpartien sind sorgfältigst über der Reparatur nachgetragen. klebeband.blaupapier1

Spätere Jahrhunderte reparierten Gebrauchsschäden mit Papier und Kleister. Ein schnell gedrucktes Heftchen mit satirischen „Grabschrifften“ von 1662 fiel nach häufigem Lesen aus der Naht, man überklebte den Rücken mit einem Papierstreifen, den ein fleißiger Bibliothekar des Christianeums im 19. Jahrhundert dazu nutzte, einen Vermerk über die Herkunft des kleinen Drucks zu hinterlassen.

klebeband.2.aAus dem Leim gegangene Lederrücken ließen sich nicht mit Papier wieder am Deckel befestigen. Nach dem Ersten Weltkrieg kamen Klebebänder in den Handel, einseitig mit einem Haftstoff versehen, die in Schwarz oder Grau gern auch in Bibliotheken verwendet wurden. Mit diesen Klebebändern reparierte der diensthabende Bibliothekar des Christianeums die durch Lehrer- und Schülerhände besonders ramponierten Werke, wie zum Beispiel ein Lehrwerk über die Violine. Hübsch sah’s nicht aus, die Rückenprägung nebst Titel wurde halbiert, und halten tat’s auch nicht, wie sich Jahrzehnte später herausstellte: der Haftklebstoff löste sich von selbst auf und nahm die oberste Buchdeckelsubstanz gleich mit. Hielten die Klebebänder, arbeiteten sie sich im Verborgenen stetig durch die Materialen, denen sie Halt geben sollten, bis ein zunächst nur loser Buchrücken endgültig jeden Anschluss zu seinem Deckel verlor. klebeband.tesa

Noch bevor sich derartige Schäden ankündigten, hatte man seit den 1930er Jahren allerdings einen sensationellen Ersatz: das durchsichtige Klebeband namens Tesafilm: endlich ließen dem Bibliothekar die Klebebänder nach der Reparatur zerrissener Seiten oder abgelöster Einbandteile auch weiterhin freie Sicht auf Texte und Buchschmuck. Allerdings nur für kurze Zeit, wie sich herausstellen sollte: Die Tesa-Bänder verfärbten sich braun, lösten sich von ihrem Untergrund, hinterließen bleibende Spuren unaussprechlicher Anmutung auf Buchseiten und Einbänden und machten jede „Sing- und Klingkunst“ aus dem 17. Jahrhundert von nun an unappetitlich. Die Hersteller des Tesa-Films warnen heute auf ihrem Website vor dem Einsatz der Klebebänder bei Büchern.

Die virtuelle Verfügbarkeit digitalen Schrifttums erneuert den Blick auf das alte Buch als einen individuellen Gegenstand. Buchrestaurator scheint, vorbei an überfüllten Universitäten, ein womöglich zukunftsweisender Beruf zu sein.

 

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 64. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2009. S. 62f.

 






 

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Aus der Bibliothek: Pergamentmakulatur

von Felicitas Noeske

Eine Ausgabe von Homers Ilias und Odyssee in lateinischer Sprache im Oktavformat, gedruckt 1537 und 1534, hat einen Einband, der sich lesen lässt: aufgeklappt und auf den Vorderdeckel gestellt, zeigt sich das Fragment eines geistlichen Erbauungstraktats in deutscher Sprache, geschrieben von einer Hand des 14. oder 15. Jahrhunderts auf Pergament.

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Ab etwa 1400 begann in Europa der Siegeszug des Papiers, das zunehmend das teure Pergament verdrängte. Mit dem Guss beweglicher Lettern setzte Johannes Gutenberg Mitte des Jahrhunderts eine beispiellose, nicht nur geistige Revolution in Gang: die unaufhaltsame Verbreitung der Ideen durch den Buchdruck. Die sorgsam auf Pergament geschriebenen Texte waren nun überflüssig. Der teure Beschreibstoff wurde indes nicht entsorgt, sondern „makuliert“, das heißt, anderen Zwecken zugeführt. Pergament, hergestellt aus ungegerbter Haut von Schafen und Ziegen, ist fest, geschmeidig und sehr haltbar. Seit dem ausgehenden 15. Jahrhundert benutzte man die heute als Pergamentmakulatur bezeichneten Pergamentblätter und –fragmente alter Gebrauchshandschriften als Einbände für Bücher und Akten und für Buchreparaturen; in der Bibliothek des Chistianeums finden sich neben der Homer-Ausgabe des 16. Jahrhunderts zahlreiche, auch frühe Beispiele für die unterschiedlichen Zweckentfremdungen der als Beschreibstoff obsolet gewordenen Haut.

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Pergamentmak.flickenEin Folio, mehrere Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts enthaltend, hat noch seine ursprüngliche erste Buchdecke: es wurde in schwere, mit geprägtem Leder überzogene Holzdeckel eingebunden und bekam am Rückdeckel eine Kette, um es vor dem Sturz vom Lesepult zu bewahren. Einbandspiegel und Vorsatzblätter sind aus Pergament; sie wurden vor dem Gebrauch sorgsam mit Kreuzstich geflickt, womöglich ein Hinweis, dass die Blätter vorher beschrieben gewesen sein könnten und beim Abkratzen der Schrift mit dem Bimsstein Löcher bekommen hatten. Am oberen Rand des Rückdeckels ist ein Stück aus einem mittelalterlichen Chorbuch eingeklebt: es schützte den wertvollen Inhalt, die Drucke, vor den Nägeln des eisernen Kettenanschlags; der Chorbuchflecken und das Vorsatzpergament sind nach Jahrhunderten durchgerostet, der Druck blieb unversehrt.

Pergamentmak.bindungEin kleines, dickes Bändchen mit Sonetten des italienischen Dichters Petrarca, gedruckt in Venedig 1573, wurde in Pergament eingebunden. Da der Einbandspiegel sich gelöst hat, liegt das Innenleben der Buchdecke bloß: Streifen einer in roter und schwarzer Tinte geschriebenen lateinischen Schrift verbinden die einzeln gehefteten Lagen; die heraushängenden dünnen Pergamentschnipsel sind die Enden der Bünde des Buchrückens.

pergamentmakulatur.martens.hispan.reiseIm Barock schätzte man gelegentlich die beschriebenen Pergamente als Einbanddekor; in Bibliotheken mit historischen Beständen wie der des Christianeums finden sich nicht selten eine ganze Reihe von Einbänden, vorwiegend des 17. Jahrhunderts, zum Beispiel aus mittelalterlichen Chorbüchern, deren Notationen ein hübsches grafisches Muster bilden. Ein Beispiel aus der Bibliothek des Christianeums ist indes ungewöhnlich: eine mit reichem Buchschmuck versehene Chorbuchseite dient als einfacher Buchschutz. Die Zimelien, das sind die Prachthandschriften des Mittelalters mit den kostbaren Malereien, wurden nicht makuliert; Dekore wie hier, mit einer geschmückten Initiale und einer Randleiste aus feiner Malerei und Blattgold, wurden nicht weiterverwertet, sondern gelegentlich vor einem Makulieren lediglich der Schriftpartien ab- oder ausgeschnitten und aufbewahrt. Die kostbare mittelalterliche Chorbuchseite umhüllt ein einzigartiges Manuskript des 17. Jahrhunderts, die „Hispanische Reise Beschreibung De Anno 1671“ des Friedrich Martens mit zahlreichen Federzeichnungen des Verfassers von Meer, Landschaft, Flora und Fauna. Der Besitzer, der sein Manuskript vor Jahrhunderten einbinden ließ, muss es für so wertvoll erachtet haben, dass er es mit einer Kostbarkeit schützend umgab.

Pergamentmak.Wrterbuch_465x640Das 18. Jahrhundert verfuhr profan: die alten Pergamente dienten nun auch gern zum Eindeckeln von Akten. Ein Konvolut, das Lübecker Episkopat betreffend, ruht wohlbehütet und geheftet in einem spätmittelalterlichen Manuskript: in einer „Tabula alphabetica“, einem Wörterbuch lateinischer Begriffe mit roten Initialen und Rubrizierungen als haltbarem Staubfänger.

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Palimpseste, die abgewaschenen und neu beschriebenen Pergamente, hatten die griechische Antike gleichsam im Untergrund schriftlich überliefert und dienen heute, durch die Technik wieder lesbar gemacht, der Wissenschaft. Der Wert der Pergamentmakulaturen für die Philologie wurde bereits im 19. Jahrhundert entdeckt; gleichwohl wurden die kleinen, oft in den Buchdecken verborgenen Zeugnisse der mittelalterlichen Schriftkultur zusammen mit den meist maroden uralten Einbänden bei deren Erneuern weggeworfen. Heute sind sie etablierter Bestandteil der Einband- und der Handschriftenforschung; Buchrestauratoren sichern und bewahren makulierte Schriften, wenn sie ihnen im Innern der Buchdecken begegnen.

 

2005 wurde im Zuge einer Buchrestaurierung ein Stück Pergamentmakulatur entdeckt, das eine Passage aus Wolfram von Eschenbachs Epos „Parzival“ enthält. Aus den 1960er Jahren stammt ein berühmt gewordener Fund im Kloster Benediktbeuren: eine lediglich in Form von mehreren Längsstreifen erhaltene und bis dahin unbekannte Fassung des „Armen Heinrich“ von Hartmann von Aue aus dem 13. Jahrhundert. Die „Heinrich“-Streifen hatten dermaleinst den Mönchen zum Abdichten von Orgelpfeifen gedient.

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 65. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2010. S. 100ff.


Siehe auch: Zweckentfremdung





 

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Die Identifizierung eines Fragments am 2. Advent 2011

Ein Artikel über die „Pergamentmakulatur“ (erschienen in Christianeum, Jg. 65, Heft 2 2010) führte zu der Entdeckung, dass der Einband eines Buches aus dem 16. Jahrhundert das Fragment der nur in wenigen handschriftlichen Exemplaren erhaltenen Schrift des Johannes Marienwerder (1343-1417), Das Leben der zeligen vrouwen Dorothea (Das Leben der heiligen Dorothea, entstanden um 1400), enthält. Identifiziert wurde es von Dr. Stephen Mossman, University of Manchester (UK).

Der Aufsatz im Christianeumsheft im Dezember 2010 bebilderte die Einleitung mit dem Foto des Einbands eines Drucksammelbandes, lateinische Ausgaben des 16. Jahrhunderts von Homer enthaltend, insbesondere dessen Ilias (gedruckt 1537) und Odyssee (gedruckt 1534). Das Buch gehörte Georg Christian Matern de Cilano (1696-1778), dem ersten Bibliothekar des Christianeums, der es zusammen mit zahlreichen anderen Werken seiner Privatbibliothek dem Gymasium academicum vermachte; er schrieb seinen Namen in den Innendeckel. Ein weiterer, früherer Vorbesitzer hatte die Abschrift eines Briefes von Joseph Scaliger an Friedrich Lindenbrog auf dem Vorsatz hinterlassen.

Der Artikel zur Pergamentmakulatur, seit kurzer Zeit erst auf den Bibliotheksseiten der Christianeumshomepage, wurde am 2. Advent, dem 4. Dezember 2011, im Archiv- und Bibliotheksblog Archivalia als Link gepostet. Der Betreiber des Blogs, der Historiker Dr. Klaus Graf, hatte im August 2011 unsere Bibliothek besucht, einige Fotos gemacht, auch solche von unseren Pergamentzweckentfremdungen; unter anderem hatte er den mit dem Fragment eingebundenen Band mit der Signatur A II 97/1 fotografiert und die Handschrift ins 15. Jahrhundert eingeordnet. Der Eintrag in Archivalia am 2. Advent 2011 stand kaum zwei Stunden in dem Blog, als sich Dr. Stephen Mossman,  Dozent für Mittelalterliche Geschichte und Literatur an der Universität in Manchester (UK), dort meldete und das Fragment anhand der Fotos identifiziert hatte: Das Leben der zeligen vrouwen Dorothea von Johannes Marienwerder.

Der Domdekan und Deutschordenspriester Johannes Marienwerder (1343-1417) war Beichtvater der Dorothea von Montau (1347-1397). Dorothea war die Tochter eines vermögenden Bauern und die Witwe eines Waffenschmieds in Danzig; sie hatte religiöse Visionen und wählte nach dem Tod ihres Mannes das Leben als Klausnerin in einer Zelle im Dom zu Marienwerder in Pommern. Domdekan Johannes schrieb ihre Visionen auf und betrieb ihre Heiligsprechung, die 1404 aber abgebrochen wurde und erst im Jahr 1976 erfolgte. Johannes Marienwerders Darstellung in deutscher Sprache wurde 1492 gedruckt und 1863 von Max Toepper im 2. Band der Scriptores rerum prussicarum ediert und kommentiert. Der Schriftsteller Günter Grass (*1927), Nobelpreis 1999, erzählte in seinem erstmals 1977 erschienenen Roman Der Butt die Geschichte der Dorothea aus der Sicht ihres frustrierten Ehemannes.

An handschriftlichen Zeugnissen wies der Marburger Handschriftencensus, das Verzeichnis deutschsprachiger mittelalterlicher Handschriften, bisher nur vier Nennungen nach, nunmehr ist die fünfte, das Fragment aus dem Christianeum, hinzugekommen. Nur in Wolfenbüttel und in Stuttgart finden sich jeweils vollständiges Handschriften vom Leben der heiligen Dorothea auf Papier, in Köln und Torún finden sich lediglich Fragmente auf Pergament. Ob das Christianeumsfragment zu dem einen oder anderen Fragment gehört oder ein weiteres, bislang unbekanntes Textzeugnis darstellt, ist noch zu erforschen; das Blatt aus dem Christianeum ist das bislang einzige Zeugnis, das für die Öffentlichkeit in Fotografien vorliegt.

 

Siehe dazu:


Blogeintrag in Archivalia mit Links zu weiteren Fotos und der Identifizierung des Blattes durch Stephen Mossman

Handschriftencensus: Marienwerder, Johannes: Leben der zeligen vrouwen Dorothea

Max Toeppen: Scriptores rerum prussicarum Band 2; Leipzig, 1863. S. 179-350; die Transkription der Passage, die dem Christianeumsfragment entspricht, nach der  Königsberger Handschrift (heute in Torún) und dem Druck befindet sich auf S. 305: Schluss Cap. XX und Beginn Cap. XXI, Buch III.

Günter Grass: Der Butt. Roman (1977) Werkausgabe in zehn Bänden, Band V. Luchterhand 1987; S. 125-196

 

Felicitas Noeske

mit Dank an Klaus Graf und Stephen Mossman

 

Epilog:

Am 27. Dzember 2011 konnte anhand eines Vergleichs mit Scans, die die Hill Museum & Manuscript Library (Minnesota, USA)  von einem alten Schwarzweiß-Mikrofilm hatte anfertige lassen und uns zum Vergleich zur Verfügung stellte, festgestellt werden, dass unser Fragment mit hoher Wahrscheinlichkeit aus derselben Pergamenthandschrift stammt wie die beiden Blätter aus dem Historischen Archiv der Stadt Köln. (Mit Dank an Dr. Matthew Z. Heintzelman, St. John's University, Minnesota)

Nach dem Einsturz des Kölner Archivgebäudes 2009 standen die beiden Blätter für einen Vergleich nicht zur Verfügung, es gab nur den Film in Minnesota. Die beiden Kölner Blätter enthalten das Ende Cap.l XXIX, Cap. XXX sowie den Anfang Cap. XXXI Buch I (bei Toeppen S. 227-228) und Cap. XXVII Buch I (bei Toeppen S. 225). 

Am 30. Dezember 2011 kam per Mail die Nachricht von Dr. Max Plassmann (Historisches Archiv der Stadt Köln), dass beide Kölner Blätter den Einsturz überstanden haben, "aber noch nicht wieder für eine Auswertung zugänglich" seien.

 (No 2011/2012)

 

 


 

Aus der Bibliothek des Christianeums:

Zwei Inkunabeln lokalisiert

 

 

 

 

 

Zwei Inkunabeln, Wiegendrucke des 15. Jahrhunderts, aus der Christaneumsbibliothek, die bislang nicht eindeutig einem Datum, Ort und Drucker zugeordnet werden konnten, wurden im Dezember 2011 mithilfe der modernen Datenbanken für Inkunabeln im Internet lokalisiert.

Quelle ist eine Liste gewesen, die Johannes Claussen, Bibliothekar des Christianeums von 1893 bis 1910, von den Christianeumsinkunabeln erstellt und 1897 im Schulprogramm als „Verzeichnis der Drucke aus dem 15. Jahrhundert“ veröffentlicht hatte. Dieses Verzeichnis war 2005/06 Grundlage zur Erfassung unseres Inkunabelbestandes im Gesamtkatalog der Wiegendrucke (GW) in Berlin, der bis dahin erst wenige Titel aus dem Christianeum enthielt. Zwei Drucke, denen die üblichen Druckvermerke am Schluss fehlen, konnte man seinerzeit auch in Berlin nicht zuorden. Die heute im Internet verfügbaren Datenbanken und deren nachhaltige Aktualisierungen machten es im Dezember 2011 möglich, die beiden Drucke zu bestimmen.DSC09580_2_369x640DSC09583_2_480x640

Johannes Nider: Praeceptorium divinae legis. Fol.; 2col., cum signis, 46 lin. - das war der Eintrag von 1897 gewesen. Das Werk des Johannes Nider (1385-1438), Theologe und Dominikaner, bot neben einer Auslegung der zehn Gebote für gebildete Laien und Beichtväter auch Betrachtungen von allerlei Formen des Aberglaubens, wie zum Beispiel der Wahrsagerei, der Tierverwandlung und des Flugs durch die Luft. Das Praeceptorium divinae legis wurde im 15. Jahrhundert vielerorts gedruckt und weit verbreitet; das Christianeum besitzt zwei Inkunabeln dieses Titels, eine gedruckt von Ulrich Zell in Köln um 1475, die andere in ihrer Herkunft bislang unbekannt. Der einzige Hinweis schien die Angabe von 46 Zeilen („46 lin.“) für die einzelne Druckseite.

Der Gesamtkatalog der Wiegendrucke wies nur drei Drucke des 15. Jahrhunderts mit 46 Zeilen nach, davon zwei mit einem Digitalisat. Der dritte, mit der GW-Nummer M26945, ist im Verzeichnis des GW-Online-Katalogs mit den Scans von zwei alten Archivzetteln versehen, auf denen eine spätere Hand, vermutlich der 1920er Jahre, ein „Altona, Christianeum“ hinzufügte: jemand hatte das Exemplar gesehen: M26945 Nider, Johannes: Praeceptorium divinae legis. [Strassburg: Drucker der Vitas patrum].2°. 2 Sp. 46 Z. Der Vergleich unseres Drucks mit den Angaben auf den Archivzetteln ergab uneingeschränkte Übereinstimmung. Ein weiterer Druck von M26945 ist im GW nicht nachgewiesen.

Der im Christianeum vorhandene Druck ist mit zwei weiteren Inkunabeln zusammengebunden (Signatur D 43/7). Der Band stammt aus der Sammlung des Johann Adrian Bolten und hat noch seinen originalen Einband des 15. Jahrhunderts.Drucker.Mentelin.1472

Bei dem zweiten nunmehr lokalisierten Druck handelt es sich um die Epistolae familiares des Eneas Sylvius. Eneas Sylvius Piccolomini war der bürgerliche Name des Papstes Pius II. (1405-1464). Die Pius-Briefe fanden im frühen Buchdruck des 15. Jahrhunderts rasch Verbreitung in ganz Europa. Bibliothekar Claussen hatte den Druck 1897 mit dem Titel und folgender Zuordnung geführt: Straßburg, Johann Mentelin, ca. 1472. Diese Zuordnung konnte nicht richtig sein; weder das internationale Inkunabel-Verzeichnis der British Library (ISTC) noch der Gesamtkatalog der Wiegendrucke (Berlin) kannte überhaupt eine Edition der Papst-epistolae aus der Werkstatt des berühmten Straßburger Druckers Johannes Mentelin (um 1410-1478).

Die Digitalisierung alter Drucke macht eine Identifizierung einwandfrei möglich: Auf der Seite des Incunabula Short Title Catalogue der British Library (ISTC No.: ip00716000) ist das Digitalisat der Bayerischen Staatsbibliothek verlinkt - und dessen zweite Textseite beweist im Vergleich, um welchen Druck der Papstbriefe es sich bei dem hier gezeigten aus der Christianeumsbibliothek handelt:

Pius II, Pont. Max. (vormals Aeneas Sylvius Piccolomini): Epistolae familiares. De Duobus amantibus Euryalo et Lucretia. Descriptio urbis Viennensis. Herausgegeben von Nicolaus von Wyle; (Reutlingen: Michael Greyff), nicht nach 1478. (Auch angegeben als: Esslingen [ohne Drucker], und Straßburg [“R-Drucker”, i.e. Adolf Rusch].

Weiteres zu den Pius-Briefen im Christianeum bei Bibliotheca Altonensis

Felicitas Noeske

(2011)


 

 

Luchts Hand

von Felicitas Noeske

 

 

 

 

Die „Göttliche Komödie“, die weltberühmte „Comedia“ des Dante Alighieri (1265 - 1321), Beginn des 24. Gesangs im zweiten Teil, dem „Purgatorio“. Dante und Vergil erklimmen über insgesamt sieben Terrassen den aus einem Meer herausragenden „Läuterungsberg“. Auf jeder Stufe treffen sie auf die Seelen Verstorbener, die der Hölle, dem trostlosen „Inferno“, entronnen sind und in der Hoffnung auf das Paradies ihre Sünden in Form von deren Umkehrung ins Gegenteil büßen dürfen. Auf der sechsten Terrasse begegnen die beiden Reisenden - und damit beginnt der 24. Gesang - den Seelen der Maßlosen, die in Hunger und Durst schmachten müssen.

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Der Künstler, der um 1360 die Szene im Codex Altonensis, der Handschrift der „Comedia“ aus der Bibliothek des Christianeums, mit Wasserfarben in feiner Lasurtechnik illustrierte, füllte die Lücke, die der Schreiber für ihn auf dem Pergamentblatt zwischen den italienischen Terzinen, den Strophen aus drei Versen, ausgespart hatte und hielt sich dabei genau an den Text: „El [=ne il] dir landar nel andar lui piu lento / facea ma ragionando andavam forte / si come nave pinta da buon vento“ (Reden und Gehen taten wechselseitig / Sich keinen Eintrag, und wir gingen eilends / Gleich wie ein Schiff von gutem Wind getrieben*) Die untere Terzine lautet: „Et lombre che parean cosa rimorte / p[er] le fosse delli occhi ammiratione / traevan me di mio vivere accorte“. (Und jene mehr als toten Schatten starrten / Verwundert aus den Höhlen ihrer Augen / Auf mich, da sie mich lebend noch gewahrten.*) Neben diese Verse und unter die aus den Höhlen ihrer Augen starrenden mehr als toten Schatten, nackt und in einen Schleier aus Fegefeuer gehüllt, schrieb eine Hand des 19. Jahrhunderts mit Tinte in festen kleinen Buchstaben - und mit einem Punkt hintendran - das Wort „Lucht.“

016_1__Dir._Lucht___ausschnittProfessor Dr. Marx Johannes Friedrich Lucht (1804 – 1891), Träger des Roten Adlerordens 3. Klasse, war von 1853 bis 1882 Direktor des Christianeums und hält damit den Anstaltsrekord der längsten Amtszeit. Der Philosoph und Pädagoge Friedrich Paulsen (1846 – 1908), Schüler des Christianeums von 1863 bis 1868, hinterließ in seiner autobiographischen Schrift „Aus meinem Leben. Jugenderinnerungen“, erschienen in Jena 1909, ein recht lebendiges Bild der Erscheinung Luchts: „Er war ein Mann zwischen 50 und 60, eine hohe, schlanke, überaus biegsame Gestalt, in beständiger Bewegung; ein kräftig gebauter hoher Schädel, von weißen Haaren weniger verdeckt als umrahmt, gab ihm etwas Ehrwürdiges. Er stand bei uns im Ruf großer Gelehrsamkeit besonders im Gebiet der römischen Altertümer.“

Professor Luchts besonderes Verdienst bestand in der Pflege der „Großen Bibliothek“ der Anstalt, deren systematische Aufstellung er ab 1854 besorgte und gemeinsam mit seinem Kollegen Dr. Peter Schreiner Frandsen in insgesamt 17 Bandkatalogen erfasste. In diesen Folianten ist - neben den zahlreichen Manuskripten Luchts in den Dokumenten des Christianeumsarchivs - seine überaus charakteristische Handschrift erhalten: fest, winzig und ohne durchgehenden Duktus, d.h. die Buchstaben sind einzeln gesetzt und weisen typische kleine Schnörkeleien und Häkchen auf. Hinter seine Unterschrift setzte er stets einen Punkt. Die Schrift im Codex Altonensis, in der eine vorwitzige Hand „Lucht.“ unter die starrenden Seelen malte, ist die Luchts; aber war es wirklich seine Hand? 

cod.a.lucht.sig_3M. J. F. Lucht war mit Leib und Seele Philologe und hatte 1878 den Codex Altonensis ausführlich im „Schulprogramm“, dem jährlichen Bericht des Christianeums zu Altona, beschrieben. Er wusste um den Wert dieser Handschrift und ahnte bereits ihren hohen Rang innerhalb der Überlieferung des italienischen Nationalepos. Schwer vorstellbar ist angesichts dieser Gelehrsamkeit, dass er sich auf dem jahrhundertealten Pergamentblatt 79 verewigte, warum auch? Und warum ausgerechnet unter den augenlos starrenden mehr als toten nackten Seelen?

behrens1_2Ein Blick durch die Lupe zeigt, dass er's nicht war. Zwar sind die Buchstaben seiner Unterschrift perfekt nachgeahmt, aber die Tinte ist nicht die Luchts und die Buchstaben sind, im Gegensatz zu Luchts kleinen, persönlichen Federzügen, zu bewusst aufgemalt. Da hatte jemand geübt. Lucht unterschrieb alle Zeugnisse und Schriftstücke mit seinem Nachnamen, „Lucht.“ Jeder Kollege und jeder Schüler hatte die unverwechselbare Signatur des Christianeumsdirektors irgendwann zur Hand. Wer war der freche und geübte Vandale? Ein Kollege, den in einem unbeobachteten Moment der Hafer stach bei der Betrachtung der in Fegefeuer gehüllten Buße in einer spätmittelalterlichen grandiosen Prachthandschrift? Oder gar ein Schüler, zum Studium der großen Dichtung im Original gezwungen oder verführt?

Friedrich Paulsen erinnerte sich an Luchts Gegenwart so: „Sein Unterricht büßte an Wirksamkeit durch einen gewissen Mangel an Energie ein, er hatte nicht das Vorwärtsdrängende, das die Jugend mitnimmt; schon die schleppende, mit eingeschobenen, mißtönenden Flicklauten, die sich oft zu ganzen Reihen häuften, überladene Sprache gab seinen Stunden oft etwas Schläfrig-Mattes.“ Vielleicht sah sich jemand, wer immer er auch war, angesichts der nebenstehenden Verse Dantes und des mittelalterlichen Bildes an diese Gegenwart erinnert.

* Übersetzung siehe Dante Alighieri: Die Göttliche Komödie. Italienisch und Deutsch. Übersetzt von Hermann Gmelin. II. Teil: Der Läuterungsberg. Stuttgart 1974, S. 283

 

Foto Codex Altonensis  Blatt 79 verso: Klaus Graf (Quelle + Lizenz)

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 66. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2011

 


 

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Hippo.

Aus der Bibliothek des Christianeums

von Felicitas Noeske

Ein Flusspferdfötus mit Nabelschnur auf einem Tisch, daneben chirurgisches Instrumentarium und ein hohes Glas mit Flüssigkeit zum Einbalsamieren. Im Hintergrund ein Blick aus dem Fenster in eine Landschaft mit Palme, Affenbrotbaum und Teddybär.

Als George-Louis Leclerc de Buffon (1707-1788), französischer Naturforscher und Direktor des Königlichen Botanischen Gartens in Paris, seiner seit 1749 erstellten monumentalen „Histoire naturelle“ die „Beschreibung des Flusspferdes“ hinzufügte, hatte er den Fötus, einen Kiefer und unter anderem eine Darstellung des neapolitanischen Naturforschers und Botanikers Fabio Colonna (1567-1640) von 1616 vor sich, die eine figura enthielt: eine Abbildung des Tiers nach der Beschreibung.

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Buffon hat niemals ein lebendes Geschöpf dieser Art, ein Hippopotamus amphibius, gesehen, er hatte für seine Betrachtungen das Naturalienkabinett seines Königs Ludwigs XV. zur Verfügung - und die Bücher.

Der Hintergrund der Tafel III zur Darstellung des Hippopotamus in seiner „Naturgeschichte“, so sagt Buffon, sei eine „Copey“ der „Figur“ Colonnas, und er stellt dazu fest: „Ungeachtet diese Figur für eine von den besten gehalten wird, die es von dem Flußpferde giebt, so kommt sie mir doch ungemein fehlerhaft vor.“ Die Fehler, so Buffon weiter, seien lediglich in seiner Kupfertafel „nicht so sichtbar“, weil das Tier „nur von weitem gesehen werden kann“. (Allgemeine Historie der Natur. Sechsten Teils erster Band, S. 30) In der Tat: aus der Nähe sieht das Hippopotamusamphibius in der „Naturgeschichte“ Buffons aus wie ein Teddybär in Afrika.

Hippo.Figura 6 ippopotamoDie „Fehler“ der Darstellung aus dem 17. Jahrhundert gegenüber dem Teddybären sind zwar erkennbar, wahrer wird Buffons „Copey“ deshalb aber nicht und so verweist er auch auf den Fötus als „Hauptgegenstand dieser Tafel“. Fabio Colonna hatte ebenfalls nie ein lebendes Flusspferd gesehen; er kannte womöglich vielmehr die Darstellung eines Arztes aus Narni in Umbrien namens Federico Zeringhi, der dieses Tier 1603 in einem kurzen Traktat: Vera Descrittione Dell Hippopottamo, Animale Anfibio, que nasce in Egitto [...] beschrieben und dabei behauptet hatte, zwei Flusspferde in Ägypten gefangen, getötet und die Häute nach Italien mitgebracht zu haben. Wie immer die Häute ausgesehen haben mögen, so recht in Form bringen können hat man sie nicht: mehr wie ein Ochse, denn wie ein Pferd, und mit Zähnen wie denen eines Haifischs – so war das Bild des Hippopotamus in Europa seit Jahrhunderten geprägt gewesen. Buffons akribische Beschreibung anhand einer Sektion des Fötus aus der königlichen Sammlung, in der er den Bauplan des Tiers gleichsam hochzurechnen vermochte auf das erwachsene Exemplar, war Mitte des 18. Jahrhunderts ebenso sensationell wie die Kupfertafel. Die Anschauung könne, so sagt Buffon, „dabey einigermaßen die Vorstellung von einem Flußpferde geben“.

Hippo.Obaysch.18521850 wurde das erste lebend in Europa bekannt gewordene Flusspferd zur internationalen Sensation. Es trug den Namen Obaysch und war als Geschenk des ägyptischen Vizekönigs Abbas Pascha an den britischen Generalkonsul in den Londoner Zoo gelangt. Obaysch vervielfachte die Zahl der Zoobesucher erheblich, inspirierte Queen Victoria zu einem Eintrag in ihr Tagebuch und brachte einen veritablen Souvenirhandel in Schwung. Obaysch war 1849 als wenige Tage altes männliches Jungtier auf einer Nilinsel, die ihm den Namen gab, von Jägern Abbas Paschas eingefangen worden. Die Jäger hatten das Muttertier erlegt, konnten aber das Jungtier nicht festhalten, das ihnen mit seiner feuchten, seifenglatten Haut immer wieder ins Wasser entwischte; sie griffen zum Bootshaken. Auf einem Foto von Obaysch im Londoner Zoo aus dem Jahr 1852 ist die tiefe Narbe in der Flanke des Tiers gut zu erkennen. Eine ganz ähnliche „Narbe“ zeigt der Holzschnitt aus dem 17. Jahrhundert und hat damit die Auskunft über eine jahrhundertealte Fangmethode bis auf den heutigen Tag bewahrt als eine wahrhaftige Haut.

 

Abbildungen:

Das Flusspferd. Kupferstich; in: Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Historie der Natur. Sechsten Teils erster Band. Tafel III. 30. Seite.. Leipzig 1767 (Bibliothek des Christianeums, Signatur: J 140/7)

Das Flusspferd (Kupferstich; Detail). In: Georges-Louis Leclerc de Buffon: Allgemeine Historie der Natur. Sechsten Teils erster Band. Tafel III. Seite 30. Leipzig 1767 (Bibliothek des Christianeums, Signatur: J 140/7)

Vera effigie dell'hippopotamo over caval marino (Wahre Figur eines Hippopotamus oder Flusspferds). Holzschnitt, 17. Jahrhundert. Nach einer figura in Federico Zerenghi: Vera Descrittione Dell Hippopottamo, Animale Anfibio, que nasce in Egitto. Mailand 1603 (Biblioteca Universitaria di Bologna; cf. Alberto Natale, Gli specchi della paura. Carocci, Rom 2008) (Lizenz)

Flusspferd Obaysch im Londoner Zoo, 1852. Foto: Juan Carlos de Borbón (1822−1887); Quelle: Wikimedia Commons, https://commons.wikimedia.org/wiki/File:1852Hippo.jpg

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Erschienen in: © Christianeum. Mitteilungsblatt des Vereins der Freunde des Christianeums in Verbindung mit der Vereinigung ehemaliger Christianeer, 67. Jg., H. 2. Hamburg, Dezember 2012

 


 

 

Aus der Bibliothek des Christianeums:

Griechische Handschriften

 

Eintrag Philipp Melanchthons in den Innendeckel der  Gnomologia graecolatina, gedruckt 1557,  155x98 mm; Sign. R 34/2

 

In einer Ausstellung der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky (24. September – 1. Dezember 2013) sind drei Handschriften aus der Bibliothek des Christianeums zu sehen. Wir freuen uns, unter dem Titel Von Homer und Aristoteles bis zum Neuplatonismus: Griechische Handschriften in norddeutschen Sammlungen dabei sein zu können - insbesondere während unseres Jubiläumsjahrs!

Die Leihgaben aus dem Hamburger Christianeum stellen eine zusätzliche kleine Überraschung dar“ - so heißt es im Geleitwort des Katalogs zur Ausstellung. Die Abbildung oben zeigt eines unserer in der Staatsbibliothek zur Zeit ausgestellten Exemplare: den handschriftlichen Eintrag des Humanisten und Reformators Philipp Melanchthon im Einbandspiegel eines in Basel 1557 gedruckten Werkes griechischer Gnomen, das sind Sentenzen mit Sinnsprüchen und Weisheiten.

Im Christianeumsheft 2/2013 werden die drei Handschriften vorgestellt werden, die im Katalog der Ausstellung eine genaue Beschreibung erfahren haben.

 

Katalog der Ausstellung:

Christian Brockmann (Hrsg.): Von Homer und Aristoteles bis zum Neuplatonismus: Griechische Handschriften in norddeutschen Sammlungen. Katalog zur Ausstellung in der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg Carl von Ossietzky, 24. September – 1. Dezember 2013 anlässlich des VIII. Internationale Kolloquiums zur Griechischen Paläographie Universität Hamburg vom 22. - 28. September 2013. Hamburg 2013; S. 97-95 (mit Abbildungen der Exponate aus der Christianeumsbibliothek, Katalogartikeln und Literatur)

Zur erfolgreichen bibliothekarischen Zusammenarbeit mit der HHer SUB in der Gegenwart, zu der unter anderem 2008 die Ausstellung "Emblemata Hamburgensia" in der SUB gehörte, siehe auch:

Suchkinder (2005)

60 Jahre verschwunden (2012)

 

Siehe auch:

http://anonymea.tumblr.com/post/66906309223/griechische-handschriften-in-norddeutschen
 

Felicitas Noeske

(2013)