Gymnasium CHRISTIANEUM

  • Schrift vergrößern
  • Standard-Schriftgröße
  • Schriftgröße verkleinern
Start Architektur der Schule

Die Architektur des Christianeums - Das Gebäude von Arne Jacobsen

Drucken
Beitragsseiten
Die Architektur des Christianeums
Drei Gebäude und ihre Geschichte
Das Gebäude von Arne Jacobsen
Alle Seiten

Zur Architektur des Christianeums

Das Gebäude von Arne Jacobsen

von Christina Nur

(Leistungskurs Kunst, 2003)


schuleimherbst

Was mir am „Christianeum“ besonders gefällt, ist die schöne Eingliederung in die Umgebung. Jacobsens Konzept, das Gebäude mit der Natur zu einer Gestaltungseinheit zu bringen, Natur und Architektur zu vereinen, ist für mich aufgegangen. Er hat damit die organische Architektur, die durch Frank Lloyd Wright im internationalen Stil bekannt wurde und die in vieler Hinsicht auf den naturverbundenen Jacobsen Eindruck machte, geschickt angewandt. Viele weiche, geschwungene, also organische Formen werden auf den ersten Blick am „Christianeum“ kaum sichtbar, sind jedoch sehr wohl zu finden, z.B. an den geschwungenen WC-Einheiten.

Arne Jacobsen wollte eine eigene Formsprache im internationalen Modernismus entwickeln, die die lokalen Traditionen der Umgebung aufnehmen sollte. Unter diesem Aspekt wurde das „Christianeum“ auch oft mit einem Schiff verglichen: die drei großen, von weitem sichtbaren Schornsteine, eine Art Ober- und Unterdeck (die zwei Stockwerke), die vielen runden, bullaugenartigen Lüftungslöcher und zu guter Letzt die vertiefte Lage in der Landschaft, sozusagen ein Schwimmen in der Umgebung. Dadurch hat Jacobsen die lokale Lage zum Hafen und die Tradition der Hansestadt Hamburg verdeutlicht.

Auffallend an der gestalterischen Einheit des Schulgebäudes ist die von massiven und doch zu schweben scheinenden durchlaufenden Balken, die das gesamte Gebäude in eine Art Netz gefangen nehmen. Gefertigt sind diese Balken aus Stahlbetonträgern, die schon in ganzen Teilen lieferbar waren. Primär für Jacobsen waren die Proportionen, erst danach kamen Material und Farbe. An den Grundrissen von Ober- und Untergeschoss wird eine klare Linienführung deutlich. Beide Pläne sind beherrscht von einem gut strukturiert durchdachten Strich, eine klare Einfachheit lässt den Betrachter den Aufbau des Gebäudes erkennen. Die rechteckige, kastenförmige Gesamtstruktur und vor allem die Einheit aller Klassen- und Fachräume lassen ein Pavillonsystem deutlich werden. Arne Jacobsen wollte die Verbindung aller Klasseneinheiten hervorbringen, aber dennoch eine gewisse Intimität lassen, indem er für jeden Klassenraum oder jeden Klassenbereich einen eigenen Pausenhof plante. Leider sind die meisten der Innenhöfe aus Beaufsichtigungsgründen jedoch nicht nutzbar. Sie sollten die Natur in das Gebäude bringen, doch auch an der Pflege der Pflanzen mangelte es.

Deutlich wird an den Grundrissen auch die fast synchron angelegte Gegenüberstellung der wichtigen Versammlungsorte Aula wie Sporthalle, die sozusagen ein Rahmen, die gesellschaftlichen Eckpunkte der Schule sind. Zentral davon liegen im Obergeschoß die Klassenräume und im Untergeschoß die Fachräume, getrennt und dadurch doch wieder verbunden durch angelegte Innenhöfe und Flure. Bei Betrachtung der Grundrisspläne wird die geometrische Struktur des Gebäudes deutlich, Flure und Innenhöfe sind langgestreckt waagerecht und im Kontrast dazu stehen die senkrechten Teile der Aula und der Sporthalle. Drei lange Flure gliedern das Schulgebäude außerdem, so sind alle Räume sehr zugänglich, die klare Gleichheit dieser Struktur lässt jedoch viele Möglichkeiten zur Orientierungslosigkeit offen.

Schön ist das Zusammenspiel des „Christianeums“ im Bezug der Farben: helle, weiche Farben im Beige-Grauton für die oben verlaufenden Balken und dazu im Kontrast die schwarzen Fensterumrahmungen. Auffällig wird beim Betrachten der Wände, dass vor allem die Außenwände größtenteils aus Glas bestehen und von dem Gerüst eigentlich kaum getragen werden, was eine spielerische Leichtigkeit vermittelt und auch viel Lichteinfall zulässt, nicht zu vergessen die schöne Aussicht auf die grüne Landschaft, vor allem vor den Kunst- und Musikräumen sichtbar. Auch die Aularückwand, die eine Seite der Pausenhalle und die Wände der Flure sind aus diesem Glasgerüst und lassen so einen Durchblick durch das gesamte Gebäude zu, was wiederum die einheitliche Struktur fördert.

Schön dargestellt auf dem 2. Bild sind die Außentribüne, das Amphitheater mit den großen Steinstufen und die gradlinige Strichführung im Kontrast zu dem geschwungenen Treppengeländer. Hier ist meiner Ansicht nach eine kleine Oase der Schule zu finden, in der man wunderbar entspannen kann. Sehr außergewöhnlich sind auch die rasterartigen Holzgerüste, die auf den oberen Pausenhöfen zur Aula und zur Sporthalle hin zu finden sind und die für mich ein wunderbares Zusammenspiel von Natur und Architektur bilden, da bei Sonnenschein die Schattenwerfung immer wieder ein Erlebnis ist.

Sehr schade ist, dass aus finanziellen Gründen und dadurch, dass Jacobsen während des Baus des Gebäudes 1971 verstarb, nicht sein ganzes Konzept verwirklicht werden konnte. So wurde z.B. auf durch beide Geschosse verlaufende Glassäulen verzichtet, die mit Pflanzen gefüllt werden und sonnigen Lichteinfall bringen sollten. Sie hätten vor allem die sehr düster und einschläfernd wirkende Pausenhalle ein wenig zum Leuchten gebracht und den Naturbezug verstärkt. Auch die automatische Schiebetür und die Abtreppung vor der Aula wurden weggelassen, so dass der Raum heute eigentlich Platzverschenkung ist und wenig strukturiert.

Schade ist außerdem, dass, wieder einmal aus Kostengründen, auf ein Gesamtkunstwerk Jacobsens verzichtet werden mußte und an Mobiliar nur vereinzelt seine bequemen und organischen Stühle „3107“ bei MIC einen Platz fanden. So sind Außen- und Innenarchitektur nicht miteinander vereint und führen zu einem Bruch des Gesamtbildes. Für Arne Jacobsen war diese Einheit seiner Werke wichtig, wie z.B. im SAS-Hotel in Kopenhagen, wo er auch die komplette Inneneinrichtung entwarf. Architektur war für ihn Wissen um die Technik und eine Empfänglichkeit gegenüber der künstlerischen Seite der Angelegenheit. Wichtig war für ihn, das Unwesentliche wegzulassen, um das Wesentliche hervorzubringen. Geprägt war er vor allem von Mies van der Rohe und von Le Corbusier, die wie er im internationalen Stil arbeiteten. Auch die Bauhaus-Bewegung mit ihren klaren schlichten Formen prägte ihn stark. 1965, seine größte Schaffenszeit, war das „Geburtsjahr“ des neuen „Christianeums“.

Für Jacobsen war ein Gebäude oder ein Gegenstand nicht gleich dann schön und Kunst, wenn es bzw. er zweckmäßig-praktisch, also funktionell war. Die Richtung dieses Funktionalismus weitete er aus, indem er immer viele Lösungen für ein Problem der Gestaltung für richtig hielt und sich nur mit der besten zufrieden gab. „Form follows function“ aus der Bauhaus-Bewegung wurde ein Leitspruch für ihn. Ihm war es sehr wichtig, Dinge, egal ob Gebäude, Lampen oder Möbel, für seine Mitmenschen zu designen und dem Menschen zu dienen. Er wollte, dass zum Nutzen ein gewisses Maß an Schönheit, wenn auch einfacherer Art, hinzutrat. Wie auch seinem Vorbild Le Corbusier war es ihm eine wichtige Aufgabe, die Bedürfnisse des Menschen zu erkennen, zu analysieren und bestmöglich zu lösen. Beispielhaft dafür ist sein kindgerechter Aufbau des „Christianeums“; so sind z.B. in den Türen Sichtfenster auf Augenhöhe von Kindern, um ein Zusammenstoßen zu verhindern.

Man kann also sagen, dass Jacobsen nicht nur ein Architekt und Designer fürs Auge war, sondern dass man mit seinen Kunstwerken wirklich leben kann. Jacobsen galt in vieler Hinsicht als revolutionär und zukunftsweisend, ein Beispiel ist das Haus der Zukunft 1929. Er traute sich auf sein innerstes Drängen hin, etwas Neues zu erschaffen, wobei er auch oft auf Kritik und Ablehnung stieß. Er schaffte es, den internationalen Stil zu verbreiten und dabei trotzdem eine „dänische“ Sicht der Dinge mit einzubeziehen. In dem Zusammenhang, was Jacobsen als Architekt (an die 80 Einfamilienhäuser, Teilnahme an 50 Wettbewerben, HEW-Gebäude, Fabrikgebäude, SAS-Hotel und Nationalbank in Kopenhagen, Bellavista) und als Designer (Stühle Ameise, 3107, Schwan, Ei, Besteck, Gardinen, Lampen, Wasserhähne usw.) geleistet hat und was zum Inbegriff schlichter Schönheit wurde („Christianeums“-Zitat: „Wir lieben das Schöne und bleiben dabei schlicht“) ist es schon eine große Ehre, in diesem Gebäude zur Schule gehen zu dürfen, und eigentlich schade, es in einem Jahr schon verlassen zu müssen.Acht Jahre lang bin ich nun schon mit diesem Gebäude vertraut, doch erst jetzt sehe ich viele Stellen mit anderen Augen und lerne die besonderen Einzelheiten dieses Gebäudes kennen. Früher erschien mir die Schule, jedenfalls von außen, als fabrikartiger Klotz, heute weiß ich gerade diese einfache Schlichtheit und Klarheit und die netzartige Gesamtstruktur zu schätzen. Ich finde es sehr schön, in einem architektonischen Kunstwerk von Jacobsen lernen zu dürfen, auch wenn so manche Verbesserungsvorschläge anfallen, die jedoch nicht Arne Jacobsen anzulasten sind.